Das Coronavirus ist momentan allgegenwärtig – und dominiert nahezu tagtäglich jeden
Lebensbereich. Um den Menschen in Waldeck-Frankenberg in diesen schwierigen Zeiten
Mut zu machen, hat Landrat Dr. Reinhard Kubat Anfang des Jahres die Artikelserie „Lichtblicke“
mit insgesamt vier Botschaften zum Mut machen begonnen. Im dritten Teil geht es
nun um „Wunder im Vorübergehen – So staunen wie ein Kind“.
Liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger,
nachdem wir gemeinsam die Kraft des Lichts kennengelernt und die kleinen Freuden, das
Besondere im Alltäglichen entdeckt haben, möchte ich Sie bei diesem letzten Abschnitt
meiner Gedankenreise zu einer weiteren „Schönheit des Lebens“ mitnehmen. Einer Schönheit,
die nicht ganz so verborgen ist wie die Reiseziele der beiden ersten Abschnitte, die
offen zutage liegt, jedoch häufig als etwas ganz Anderes verkannt wird. Die wir gar nicht
mehr wahrnehmen, weil sie für uns selbstverständlich geworden ist, an der wir viel zu oft
achtlos vorbeigehen. Und die sich uns doch schnell wieder erschließt, wenn wir lernen, sie
mit den staunenden Augen eines Kindes zu betrachten.
Haben Sie sich in letzter Zeit einmal genauer umgeschaut? Nachdem der viele Schnee getaut
ist, der uns einen Winter wie schon lange nicht mehr beschert hatte, sprießt und grünt
und blüht es allenthalben um uns herum. Aus dem Augenwinkel heraus können wir sie
selbst im flüchtigen Vorüberhasten noch wahrnehmen, die bunten Farbtupfer, mit denen
sich Mutter Natur mehr und mehr schmückt. Nur ein paar Stunden haben sie gebraucht,
die Schneeglöckchen, Winterlinge oder Krokusse, wilde Primeln oder Traubenhyazinthen,
um ihre farbenfrohen Köpfe der Sonne entgegenzustrecken, kaum dass sie von der vermeintlich
erdrückenden Last des gefrorenen Wassers befreit waren.
Ist das nicht ein Wunder, wie solch zarte, zerbrechliche Gebilde über alle Wetterunbill triumphieren?
Wie sie immer wieder aufs Neue, Jahr für Jahr, als erste Frühlingsboten Freude verbreiten, auf ihre ganz eigene Art das Leben feiern, den Sieg über die dunkle,
kalte Jahreszeit verkünden? Tatsächlich ein Wunder, über das wir jedoch viel zu selten
nachdenken, bei dem wir weit häufiger innehalten und es uns bewusst machen sollten.
Staunend, freudig und begeistert, wie die Kinder es uns vormachen und was wir in der
Hektik unseres Lebensalltags fast schon verlernt haben. „Wunder gibt es immer wieder,
wenn sie dir begegnen, musst du sie auch sehen“, forderte uns ja schon Katja Ebstein in
ihrem bekannten Schlager auf.
Wie viele dieser „Wunder im Vorübergehen“ gibt es doch, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger!
Da ist das winzige Samenkorn, aus dem nach ganz wenigen Tagen in fruchtbarer Erde
der Spross eines nährenden Getreidehalmes, eines duftenden Rosenstrauchs oder gar eines
mächtigen Baumes wird. Da ist die haarige, bodengebundene Raupe, aus der einmal
ein herrlicher Falter werden wird, der gaukelnd durch die Lüfte tanzt, zum großen Staunen
jeden Kindes, das dieses Wunder der Natur zum ersten Mal erlebt. Und da ist der Riss im
Asphalt, aus dem sich ein Löwenzahn seinen Weg ins Freie bahnt, mit bewundernswürdiger
Stärke durch die Versiegelung bricht, die seinen Lebensraum, den Erdboden, von Licht
und Luft abgeschnitten hat. Dahinter steckt eine Kraft der einstmaligen filigranen Pusteblume,
mit dem sich kein menschlicher Gewichtheber jemals messen könnte… wahrhaft
erstaunlich!
Das sind nur einige ganz, ganz wenige Beispiele, mit denen uns die Natur tagtäglich immer
wieder vor Augen führt, wie wunderbar sie zusammengestellt ist. Und die wir eben leider
gar nicht mehr als Wunder sehen, weil wir in gewissem Sinne abgestumpft sind. Wir sind so
mit Reizen überflutet, so gewöhnt an oder wohl eher verwöhnt mit technischen, medizinischen
oder anderen lebenserleichternden modernen Errungenschaften, dass uns der Blick
für das Kleine, dafür umso Wundervollere verloren gegangen ist. Der Blick, den nur Kinder,
die ja selbst unsere Kleinen sind, unverfälscht haben. Sie sehen es noch, das Etwas, das in
seinem Maß einzigartiger und höchster Vollkommenheit das Übliche weit übertrifft, das
einfach nur Bewunderung und Staunen hervorrufen muss. Bei Kindern ist jeder Tag voller
erstaunlicher Entdeckungen und deshalb wundervoll – wie es für jeden von uns sein kann,
wenn wir die Welt mit den Augen eines Kindes ganz neu begreifen.

Genau dazu lade ich Sie ein, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger: Werden Sie wieder zum
Kind und erfahren Sie, was das Leben alles Wundervolles zu bieten hat. Erkennen Sie den
Wahrheitsgehalt der Textzeile „Es wär‘ schön blöd, nicht an Wunder zu glauben“ aus dem
Lied An Wunder von Wincent Weiss, erfreuen Sie sich an all dem Staunenswerten, das sich
mit offenen Augen für das Kleine im Vorübergehen auftut. Und sehen Sie nicht zuletzt auch
das Wundervolle daran, in welcher Rekordschnelle es findigen Wissenschaftlern gelungen
ist, einen Impfstoff gegen das Coronavirus zu entwickeln, ein Prozess, der normalerweise
Jahre in Anspruch nimmt. Nehmen Sie dieses Wunder an, seien Sie dankbar für die Möglichkeit,
mit zwei kleinen Armpieksern dem Virus Einhalt gebieten zu können. Und freuen
Sie sich mit allen, die bereits eine Impfung erhalten haben, damit zur Flächenimmunisierung
beitragen und die Ansteckungsgefahr in der Bevölkerung deutlich verringern… welch
wunderbare Aussicht auf eine allmähliche Rückkehr zum normalen Leben.
Damit ist sie nun fast beendet, meine kleine Gedankenreise, mein Augenöffnen für all das
Helle, Besondere und Staunenswerte, das uns umgibt, das Lichtblicke schenkt und Mut
macht, zuversichtlich durchs Leben gehen zu können. Ich freue mich, wenn Ihnen diese
Reise so guttut, wie es mir Freude bereitet, die Strecke festzulegen und an den verschiedenen
Stationen Halt zu machen. Zum Abschluss werde ich in Kürze mit Ihnen noch einen Abstecher
zu einer der wichtigsten menschlichen Empfindung machen: der Hoffnung. Bis dahin
wünsche ich Ihnen von Herzen mit dem klugen Ausspruch von Pearl S. Buck „Die wahre
Lebensweisheit besteht darin, im Alltäglichen das Wunderbare zu sehen“: Passen Sie gut
auf sich auf und seien Sie behütet!
Dr. Reinhard Kubat
Landrat